Letzten Samstag war es Zeit auch von Benny Abschied zu nehmen, weil es für ihn in seinen Einsatzort Tarabuco ging. Da letztes Wochenende in Tarabocuo allerdings große Fiesta war, an der drei Tage lang die örtliche Jungfrauenfigur gefeiert und verehrt wird, habe ich mich entschlossen Benny nach Tarabuco zu begleiten um nach Wochen endlich mal aus der Stadt rauszukommen und um sicherzugehen, dass er auch heil dort ankommt ;). Damit ich am Sonntag nicht ganz alleine zurückfahren musste haben wir noch drei Mädels, die Freiwilligenstellen in Sucre haben mitgenommen. Nach Tarabuco fährt man mit Kleinbussen, sogenannten Micros, die bis auf den letzten Platz, und notfalls noch weiter gefüllt werden. In den Bussen ist es stickig und heiß, aber die spektakuläre Landschaft die man auf der anderthalb- bis zweistündigen Fahrt durchquert ist mehr als entschädigend. Wenn man aus der Stadt herausfährt wird einem erst einmal wieder bewusst wie hoch man eigentlich ist, wie anders dieses Land ist und auf einmal merkt man auch, dass man doch weit weg von Zuhause ist. Man sieht Berge soweit das Auge reicht und egal in welche Richtung man schaut und ich freue mich jetzt schon darauf die Strecke in der Regenzeit zu fahren, wenn alles blüht und die Berge anstatt braun grün sind. Die kleinen Siedlungen oder auch nur einzelne Gehöfte haben mich wieder einmal beeindruckt. Die Menschen dort leben praktisch mitten im Nichts, jedenfalls scheint es für jemanden der ein ganz anderes Leben gewöhnt ist so. Manchmal sieht man nur ein einzelnes Haus mit einer kleinen Mauer um ein Feld, das so aussieht als könnte dort nie im Leben etwas wachsen und dazu ein Kind das ein paar Tiere bewacht, die in der trockenen Landschaft nach etwas Essbarem suchen. Neben der Straße verläuft die ganze Zeit ein Rohr mit ca. 15 Zentimetern Durchmesser, mal unterirdisch, mal oberirdisch, mal provisorisch auf ein paar Steinen gestützt und an manchen Stellen schon stark gerostet. Dieses Rohr ist die Gasleitung die von Sucre aus die drei Dörfer Tarabuco, Alcala (ca. 5 Stunden von Sucre), El Villar (ca. 8 Stunden) und alle dazwischenliegenden Häuseransammlungen versorgt. Dass die Energieversorgung da nicht immer gesichert ist kann man sich leicht vorstellen. In Tarabuco wurden wir bereits von Julien, Lenhart und Immanuel, der aus Alcala ebenfalls für die Fiesta nach Tarabuco gekommen ist empfangen und haben uns erst einmal das Hostel angesehen. Dieses ist sehr schön und in sehr gutem Zustand, da es noch ein sehr neuer Bau ist. Das Gebäude ist wie das Hostel in Sucre im Kolonialstil gebaut mit einem schönen Innenhof und einem großen Aufenthaltsraum für die Freiwilligen mit Küche, Sofas und Balkon, auf den man allerdings nicht gehen sollte, da quer über den Balkon eine Hochspannungsleitung verläuft. Eine weitere Kuriosität sind definitiv die X-Box und der Beamer mit Blu-Ray-Laufwerk. Der Beamer wurde gekauft um ein Kinoprojekt zu starten, was von den Dorfbewohnern aber nie so richtig angenommen wurde und die X-Box wurde als logische Folge des Beamers von einem ehemaligen Freiwilligen aus Deutschland mitgebracht. Beide Geräte wirken in diesem Dorf schlicht und ergreifend fehl am Platz.
Auf der Fiesta gab es nachmittags zunächst Tanz, Chicha (dazu später) und natürlich Stierkampf. An alle empörten Menschen: Beim Stierkampf wurde kein Stier getötet, nein das läuft hier ein wenig anders ab. Zuerst wird der Stier mit dem Lasso gefangen und dann werden ihm einige bunte Tücher umgebunden. Danach steht der Stier erst einmal gelangweilt in der Gegend herum, während ihn ein paar Männer mit kleinen Steinen beschmeißen oder ihn mit Tüchern locken wollen. Irgendwann werden die meisten Stiere dann doch wütend und jagen den einen oder anderen Mutigen mal über den Platz, so dass dieser sich auf den Zaun retten muss. Ziel ist es dem Stier die Tücher die ihm angebunden wurden abzunehmen. Ist das geschafft ist der Stier „befreit“ und wird mit einem großen schönen Tuch geschmückt. Nebenher spielt die ganze Zeit eine Blaskappelle und Leute in Kostümen mit Fell, bunten, asiatisch anmutenden Masken und langen Krallen tanzen und „jagen“ die Kinder was allen Beteiligten viel Freude bereitet. Die Männer stehen meistens im Kreis um einen Eimer mit Chicha (dazu noch später) und trinken, während sich unter ihnen größer werdende Pfützen bilden, denn ein dankbarer Schluck für „Pachamama“ (die Mutter Erde) darf natürlich nicht vergessen werden. Das heißt, dass bei jedem, oder fast jedem Glas der erste Schluck auf den Boden gekippt wird um die Dankbarkeit gegenüber der Mutter Erde zu zeigen, die einen so reich beschenkt hat. Zwei kleine Negativerlebnisse nachmittags waren zum einen ein besoffener Kerl, der mich angemacht hat weil ich gefilmt habe und scheinbar Geld von mir wollte. Nachdem ihn ein anderer aber „beruhigt“ hatte ist er weitergegangen und hat ein paar Meter weiter mit jemand anderem Streit angefangen. Schlimmer fiel mir allerdings der viele Müll auf der einfach überall herumliegt und in Bolivien generell ein großes Problem darstellt. Es gibt hier zwar alles wie bei uns mit viel zu viel Verpackungsmaterial zu kaufen und zu jedem noch so kleinen Einkauf gibt es eine Plastiktüte, es gibt aber nirgendwo Mülleimer und auch überhaupt kein Bewusstsein für diese Müllproblematik. Man hat den Leuten hier zwar den Müll gebracht, die Sensibilisierung dafür und das Wissen wie mit dem Müll umzugehen ist fehlen aber gänzlich.
Abends fühlten wir uns dann auch endlich bereit Chicha zu probieren (jetzt geht’s um Chicha). Das ist ein Getränk aus gegorenem Mais, schmeckt ein bisschen wie Apfelwein mit Hefe, wodurch ein paar Heimatgefühle bei mir aufkamen und ist zunächst mit Vorsicht zu genießen, da der eine oder andere Magen durchaus empfindlich darauf reagiert. José Luis, der Hostelvater aus Tarabuco ging also mit uns zu einem Haus, wovor vor lauter Pachamama schon der ganze Bürgersteig nass war und kam mit zwei Wasserflaschen voll mit einer trüben, gelblich-braunen Flüssigkeit wieder heraus. Wir wurden dann ein wenig ruppig auch direkt eingeladen hereinzukommen und mitzufeiern was wir uns natürlich nicht entgehen ließen. Kaum hatten wir uns hingesetzt hatten wir schon ein Holzschälchen voll Chicha in der Hand und wurden zudem von allen Seiten zum Trinken eingeladen und luden natürlich auch höflich zurück ein. Ich möchte gar nicht wissen mit wie vielen Leuten ich an diesem Abend Holzschälchen und Plastikbecher geteilt habe. Besonders die Mädels hatten es einigen Bolivianern angetan, was bei einigen Frauen, bolivianischen wie deutschen zu weniger erfreuten Gesichtern führte. Nach relativ kurzer Zeit verabschiedeten wir uns aber wieder, da wir uns alle nicht mehr in der Lage sahen weiterzutrinken, Nichttrinken für Bolivianer aber keine Alternative darstellt und Nachhause gehen somit der einzige Ausweg ist. Es war auf jeden Fall ein lustiger Abend und eine sehr interessante Erfahrung mit den Einheimischen zu trinken, zu feiern und sich einfach zu freuen und auch wenn wir von einigen sehr offensichtlich ungläubig angegafft wurden hat es viel Spaß gemacht.
Eine weitere einschneidende Erfahrung war, als es am nächsten Morgen zunächst kein Wasser gab, was auf den Dörfern auch mal für einige Tage der Fall sein kann. Es ist ein komisches Gefühl wenn man den Wasserhahn aufdreht und sich nichts tut oder wenn man weiß, dass man nicht einfach duschen gehen kann wenn man möchte.
Vormittags Morgen schlenderten wir noch über den berühmten Sonntagsmarkt der auch in dem einen oder anderen Reiseführer erwähnt wird ;), leider aber von Touristen überlaufen ist und wo es hauptsächlich industriell gefertigte Ware zu kaufen gibt. Dann machten die Mädels und ich uns auf den Rückweg nach Sucre in der Vorfreude auf unsere funktionierende Dusche, als wir ankamen gab es aber auch bei uns nicht genug Wasser zum Duschen was allerdings an einer kaputten Leitung lag und am nächsten Morgen war alles wieder in Ordnung.
Die letzten Tage waren sonst geprägt von Unterricht und Hausaufgaben, weshalb ich meinen Plan schon während des Kurses zu arbeiten mittlerweile wieder aufgegeben habe, da der Arbeitsaufwand momentan einfach zu groß ist. Es ist zwar schade, aber am 05.11. fahre ich dann endlich nach La Paz und am 07.11. geht es weiter auf die Isla del Sol auf dem Titicacasee wo ich bis Weihnachten arbeiten werde. Meine genauen Aufgaben kenne ich momentan noch nicht, aber sobald ich mehr weiß werde ich natürlich darüber informieren.
Das Spiel gegen Sao Paulo ging übrigens vor fast ausverkauftem Haus 0:1 verloren, wodurch es für unsere Jungs in der Copa Sudamericana mittlerweile mächtig schlecht aussieht.
Soweit von mir. Ich vermisse euch und hoffe ihr hattet ein gutes Lammtisch-Special. Viele Grüße
Euer untch
ach untchie, du kannst es dir vll gar nicht vorstellen aber ich vermisse dich auch :(
AntwortenLöschendas es bei den bolivianern keine alternative zum trinken gibt hat dich aber denk ich mal nicht sonderlich verwundert,oder? das ist bei uns ja auch der fall ist ;)
gruß timo
Wir waren beim Lammtisch-Special im Keller auf der Kegelbahn des Lamms!
AntwortenLöschenmiss you
Robbat