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Samstag, 6. November 2010

Reif für die Insel

Letztes Wochenende war in Sucre einiges los. Samstag war den ganzen Nachmittag inklusive Abend eine große Parade der Studenten durch die ganze Stadt. Die verschiedenen Fakultäten hatten verschiedene Kostüme an und haben während der Parade verschiedene Tänze aufgeführt. Eine Gruppe hatte rot-goldene Kostüme mit breiten Ärmeln und aufgeplusterten Schultern. Dazu waren an Armen und Stiefeln Schellen angebracht, was beim gemeinsamen Tanzen einen wirklich schönen Effekt ergeben hat. Die Mitglieder der technischen Fakultät hatten sich, wohl aus Solidarität zu den chilenischen „Kollegen“ als Mineros verkleidet. Halloween geriet dank der Parade etwas in den Hintergrund, lediglich in den Touristen-Bars wurde dieses Fest wirklich gefeiert und in einer war ein Witzbold in SS-Uniform und Kugel im Kopf zu bewundern. Als Deutscher kommt man sich hierbei zunächst etwas komisch vor, bedenkt man aber, dass man hier auch schon mal gefragt wird ob Hitler denn schon tot sei, muss man wohl ab und zu etwas Nachsicht zeigen.
Montag und Dienstag wurde dann Todos los Santos gefeiert, was sozusagen Allerheiligen und Allerseelen in einem ist. Wir ließen es uns natürlich nicht nehmen zu dieser Gelegenheit auch einen Abstecher zum Friedhof zu machen. Dort war sozusagen die gesamte Stadt vertreten. Der Friedhof ist wunderschön. Vorne sind viele Gruften und regelrechte Mausoleen und im hinteren Teil ist der Klassenunterschied dann sehr klar zu erkennen. Dort stehen viele „Wände“ aus Stein mit Nischen in die die Särge geschoben werden. Vor jeder Nische ist dann so eine Art Schaufenster wo Kerzen, Fotos und Ähnliches hineingestellt werden. Zum Anlass des Festes stellen die Angehörigen Sachen hinein die der Tote zu Lebzeiten am liebsten gehabt hat. Dabei trifft man auf alles Mögliche. Bei Kindern vor allem Spielzeug und Süßigkeiten, bei Erwachsenen Blumen aber auch mal eine Bierdose, eine Zigarettenschachtel oder einige Kokablätter. Bei denjenigen die im letzten Jahr verstorben sind, sind sehr viele Angehörige am Grab. Viele Leute, vor allem Kinder gehen über den Friedhof und beten für verschiedene Leute und werden von den Angehörigen dafür mit Brot „belohnt“. Auch wenn die Leute natürlich trauern ist das Fest doch eher fröhlicher Natur, denn das Fest dient dazu den Toten dazu einzuladen noch einmal zu den Angehörigen zu kommen und mit ihnen zusammen zu feiern. Vor dem Friedhof ist es noch fröhlicher. Dort gibt es viele Essensstände und überall entdeckt man Eimer und Pfützen und das kann hier in Bolivien natürlich nur eins heißen: Es gibt Chicha. Zu unserer persönlichen Erheiterung hat noch ein „Artist“ beigetragen der seinen Kopf angezündet hat. Aufgrund des Festes musste ich dann auch noch einige Tage länger auf meine Gitarre warten, habe sie dann aber doch noch rechtzeitig bekommen, wenn auch nur mit vier Saiten und der Hälfte der Inschrift. Dafür gab’s aber Preisnachlass und einen ziemlich betrunkenen Gitarrenbauer. Dass das immer noch die Auswirkungen des Festes waren ist nicht auszuschließen.
Ansonsten hieß es: Aufstehen, Unterricht, Hausaufgaben, Essen, Nacht, schlafen und das ganze wieder von vorne. Als am Freitag dann die vorerst letzte Stunde geschafft war hat mich ein regelrechtes Feriengefühl gepackt, und das obwohl ich jetzt anfangen soll zu arbeiten. Was das mit dem Spanischkurs jetzt genau auf sich hat erkläre ich noch mal kurz, da es doch einige Nachfragen gegeben hat. Das Zertifikat für das ich die Prüfung ablegen werde heißt DELE. Die Vorbereitung besteht aus sieben Wochen Einzelunterricht und einer Woche mit der gesamten Gruppe. Ich hatte jetzt vier der sieben Woche und werde die restlichen drei im April/Mai haben. Im Mai ist dann noch eine Woche mit der gesamten Gruppe und Mitte Mai ist dann letztendlich die Prüfung und zwischendrin werde ich von Monica, meiner Lehrerin natürlich reichlich mit Hausaufgaben versorgt. Da einen das DELE-Zertifikat dazu berechtigt in Spanisch-sprachigen Ländern zu studieren ist das natürlich alles nötig und erklärt auch warum noch so viel Zeit bis zur Prüfung bleibt. Nach den vier Wochen Unterricht bin ich aber definitiv reif für die Insel und war dementsprechend froh als es gestern endlich los ging. Die Busfahrt dauerte schlappe zwölf Stunden und war trotz sich breitmachendem Bolivianer nebenan, einer gesamten Mädchen-Schulklasse und Gitarre auf dem Schoß doch relativ angenehm, da ich es irgendwie geschafft habe den größten Teil zu schlafen. Nachdem ich meinen Koffer in den ersten Stock getragen hatte musste ich mich erst mal aufs Bett setzen um durchzuatmen, denn die Luft ist auf 4000 m doch merklich dünner. Eigentlich sollte ich mich hier mit den Damen aus dem Büro von Hostelling International treffen, habe aber lediglich einen Brief mit meinem Busticket und einigen Erklärungen bekommen. Morgen früh um 7.30 geht es dann noch einmal vier Stunden mit dem Bus nach Copacabana und von dort mit dem Schiff auf meine kleine Insel.
Heute hatte ich einen freien Tag den ich dazu genutzt habe den Sieg der Eintracht zu feiern und die Stadt zu erkunden. Ich konnte mir die Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen und habe mir ein Mittagessen bei Burger King gegönnt. Mc Donalds gibt es in Bolivien nicht, da sie vor ein paar Jahren sozusagen rausgeschmissen wurden, weil sie sich geweigert haben bolivianisches Fleisch zu verwenden. Dann bin ich losmarschiert zu einem sehr schönen Aussichtspunkt, der laut Stadtplan mitten in einem Park liegen sollte. Der Park bestand allerdings mehr oder weniger aus dem schönen, aber steilen Weg zu der Aussichtsplattform. Von dort hat man wirklich einen wunderschönen Blick auf die Stadt. Diese liegt regelrecht in einem Kessel aus schroffen, kahlen Bergen. Betrachtet man die Berge allerdings genauer, erkennt man, dass sie voll von kleinen roten, unverputzten Häusern sind die so dicht beieinander stehen, dass man die Berge selbst nur noch erahnen kann. Durch die beeindruckenden Hochhäuser des Stadtkerns nimmt man diese kleinen Häuser im Hintergrund zunächst allerdings überhaupt nicht wahr. Es ist wirklich beeindruckend was die Menschen in dieser unwirtlichen Gegend für eine Stadt gebaut haben. Desweiteren kann man die scheinbar unendlich wirkenden Bergketten der Anden erahnen. Das und der schneebedeckte, wolkenverhangene Berggipfel machten mir mal wieder bewusst wie anders dieses Land ist. Nachdem ich mich noch ein wenig verlaufen hatte kam ich dann völlig fertig und todmüde wieder im kleinen, aber feinen Hostel an. Jetzt genieße ich noch ein paar Stunden den vorhandenen Internetzugang und freue mich, dass es morgen früh endlich losgeht. Mit Handyempfang und Internetzugang sieht es die nächsten Wochen also nicht allzu gut aus, aber ab und zu wird man schon mal etwas von mir hören, und kurz vor Weihnachten werde ich sowieso wieder nach Sucre fahren wo wir Freiwilligen zusammen feiern werden und wo ich auf meinen wunderbaren Besuch aus Deutschland warten werde. Dann geht’s los auf eine kleine Rundreise durch Bolivien und ich kann nur sagen: Mein Schatz, ich freue mich darauf.
Bis bald meine Lieben.
Euer untch

3 Kommentare:

  1. ich gönne dir diese erfahrung von ganzem herzen!!! das muss ja richtig geil dort sein so wie dus uns immer so schön beschreibst :P

    ich bin gespannt auf die ersten bilder von la isla :P

    timo

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  2. Hey Daniel,der Artikel für den GB ist gelandet - besten Dank! Dir weiter alles Gute und viel Erfolg und Spaß auf der Insel ... Andreas

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