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Samstag, 20. November 2010

Inselleben

Heute widme ich mich den Dingen die den Alltag hier auf der Insel prägen. Auf der Insel gibt es drei Ortschaften. Yumani, Challa Pampa und Challa. Ich wohne in Challa, welches definitiv der ruhigste und am wenigsten touristischste und somit meiner Meinung nach auch der schönste Ort ist. Nach Yumani und Challa Pampa fahren täglich Fähren, wohingegen die Fähre hierher nur dreimal die Woche (mittwochs, samstags, sonntags) kommt. Ja liebe Muttis, da kann man die Kinder nicht so schnell mal zum Einkaufen schicken, denn außer zwei kleinen Läden wo es einige Süßigkeiten und wenige Lebensmittel zu kaufen gibt besorgen sich die Leute alles vom Festland. Die Fahrt nach Copacabana dauert zwischen anderthalb und zwei Stunden und kostet für Inselbewohner und Freiwillige fünf Bolivianos (50 Cent).
Die Insel ist sehr bergig. Auf den Bergen befinden sich lauter kleine Terrassen, wo die Leute ihre Felder haben und letzte Woche die Aussaat beendet haben. Es gibt hier mehr Tiere als Menschen und ständig begegnet man Eseln, Schafen, Schweinen und Kühen die irgendwo grasen oder gerade am Strand ihren Durst stillen, was unseren Hund Highlander mehrmals am Tag zu Sprints quer über den Strand veranlasst um die entsprechenden Tiere anzubellen und um besten Falle auch zu vertreiben. Die Menschen leben hier unter sehr einfachen Bedingungen, allerdings finde ich, dass die Insel im Gegensatz zu anderen Dörfern keineswegs trostlos wirkt. Die Behausungen wirken zwar ein wenig arm und stehen oft in sehr unwegsamen Gelände ohne Strom- und Wasseranschluss, doch die Menschen sind stets sehr freundlich, freuen sich wenn man sie grüßt und wirken überraschenderweise offener und weniger zurückgezogen als viele Indigene in Sucre. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie an Touristen schon länger gewöhnt sind. Im Gegensatz zu Sucre und anderen Dörfern sieht man hier auch niemals jemanden einfach rumhängen oder gar besoffen einfach in einer Ecke liegen. Die Inselbewohner sind immer beschäftigt mit den kleinen Dingen des Alltags, denn hier braucht alles etwas mehr Zeit. Ohne Autos und oftmals ohne richtige Wege dienen vor allem Esel als Transportmittel Nummer eins.
Auch hier im Hostel ist man mit den kleinen Dingen beschäftigt. In der sehr kleinen Küche dauert das Kochen immer sehr lange und wenn eine Mahlzeit verputzt ist dauert es nicht lange bis man anfangen kann die nächste vorzubereiten. Unser Hostelvater Nelson ist immer am arbeiten und steckt voller Ideen was er mit dem Hostel noch alles anzustellen gedenkt. Ich weiß irgendwie gar nicht so richtig, warum er mich ein wenig an meinen lieben Papa erinnert ;). Nelson ist 27 Jahre alt, stammt von der Insel, hat allerdings in La Paz studiert und einige Jahre in Argentinien gelebt, wirkt daher sehr weltoffen und ist gebildeter als der durchschnittliche Bolivianer. Seine Verlobte Sol (21) stammt aus einem anderen Teil Boliviens und ist meistens mit Kochen und ihrer kleinen Tochter Cielo (sieben Monate) beschäftigt. Die drei bilden eine sehr sympathische und moderne Familie und werden wahrscheinlich noch lange Freiwillige beherbergen und das Hostel um einiges vergrößern.
Diese Woche haben wir Nelson jeden Nachmittag geholfen, denn wir wollen auf dem Schulgelände einen großen Mülleimer bauen. Anschließend sollen die Kinder in der Schule eine Art Müllerziehung erhalten, denn auch wenn die Insel nicht so schmutzig ist wie ich es befürchtete merkt man doch auch hier, dass das Bewusstsein für die schädigende Wirkung des Abfalls gänzlich fehlt. Nach zwei Stunden Steine sammeln und Sand schleppen ist man auf dieser Höhe dann wirklich platt. Dann heißt es kochen, abspülen, ein paar Runden Karten spielen, vorzugsweise Yanif, ein israelisches Kartenspiel, und dann so gegen Neun Uhr ins Bett.
Der Titicacasee ist übrigens richtig kalt, allerdings eine willkommene Abwechslung wenn es im Hostel mal wieder kein Wasser gibt und Duschen somit nicht möglich ist. Auch ein kleines Nachtbad haben wie bereits hinter uns. Danach schläft es sich wirklich nicht schlecht.
Eine kleine Kuriosität gab es am Donnerstag zu erleben. Momentan werden hier die Abschlussprüfungen des Schuljahres geschrieben, da es demnächst Sommerferien geben wird. Zu viert führten wir Aufsicht bei der Englischabschlussprüfung der obersten Klasse, also vergleichbar mit unserer Abiturprüfung. Erinnern wir uns also zurück an unsere Abiturprüfung: Wochenlange Aufregung von Schülern, Eltern und Lehrern. Der Musikpavillon ausschließlich für Prüfungen reserviert, der halbe Schulhof abgesperrt, Prüfungsdauer mehrere Stunden, Interpretationen, Stilmittel und so weiter.
Abiturprüfung in Bolivien: Kein Mensch lernt, die Schüler schreiben ihre Prüfung verteilt über die Wiese auf dem Schulhof, während andere Schüler laut über den Schulhof rennen und Sportunterricht gegeben wird. Die Prüfung dauert eine Stunde und besteht aus der Abfrage von Wochen- und Monatstagen, der Uhrzeit, Farben, drei verschiedenen Verben und einem kleinen Text. Teilweise sind die Unterschiede hier noch so gravierend und ich bin wirklich gespannt wie diese Abschlussprüfung in einigen Jahren aussehen wird, wenn die Klassen an der Reihe sein werden die von Anfang an von Freiwilligen unterrichtet wurden, denn nur wenn sich dort etwas ändert lässt sich sagen, dass die Arbeit hier sinnvoll und nachhaltig ist.. Das Ziel sollte wohl sein, dass bolivianische Lehrer irgendwann nicht mehr die Freiwilligen fragen müssen ob die deutsche Regierung rassistisch, sozialistisch oder demokratisch ist, und dass es in Bolivien mehr bedarf als des bloßen Besitzes eines Englischbuches um sich Englischlehrerin nennen zu können.
Bis nächste Woche aus La Paz. Vermisse euch und denke an euch.
Euer untch

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